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World Bipolar Day 30. März 2015:

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Nun, lieber Leser

ich gehöre zu den ganz Kurzentschlossenen und weis nun nicht Recht, wie ich in der wenigen Zeit etwas ganz furchtbar Geistreiches schreiben soll- ich bitte dies zu entschuldigen.
Wie schön wäre es gewesen, wäre mir einer meiner Hypomanien, in der ich sonst so kreative Sachen schaffen kann, zu Hilfe gekommen- aber verflixt, es war einfach nichts zu machen, es ließ sich keine blicken.
Weil ich es als Ironie des Schicksals empfinde, dass heute am 30. März, dem Welt-Bipolar-Tag, meine Mutter Geburtstag hat (obwohl sie eine derjenigen innerhalb der Familie ist, die nicht bipolar ist), möchte ich einen persönlichen Text verfassen, den man am besten mit dem Titel „Dem Schicksal ein Schnippchen schlagen“ versehen könnte, denn mit „fair play“ hat es das Schicksal nicht so. Schicksal & ich stehen bisweilen auf Kriegsfuß, aber ich möchte folgendes niederschreiben, um etwas Mut zu verbreiten, die Sachen selbst in die Hand zu nehmen.

Nach einer meiner größeren Krisen wollte ich vor 3 Jahren noch einmal bei null anfangen, um alles hinter mir zu lassen. Neben Umzug und diversen anderen Veränderungen wollte ich von meinem biomedizinischen Studiengang auf Psychologie wechseln. Zum einen, weil ich das unabhängig von meiner eigenen Macke selbst schon immer reizvoll fand und zum anderen, weil manch anderer psychisch Erkrankter, der mich kennt, das gut fand, dass einer „von uns“ diesen Weg geht. Bis dahin hatte ich mir das selbst irgendwie „verboten“, weil ich Bedenken hatte, ob es eine gute Idee ist, wenn man selbst bipolar ist und diesen Weg einschlägt.

Am Stichtag der Bewerbung ging es mir ziemlich schlecht. Ich hatte lange mit mir gerungen, ob ich überhaupt die Unterlagen abgeben soll, denn an so mancher Stelle hatte man mich schwer zu entmutigen versucht, zuletzt bei der Studienberatung und dem Studierendensekretariat am Tag zuvor selbst, da ich angeblich niemals genug Härtefallpunkte bekommen würde und damit keine Chance hätte auf einen der ganz wenigen reservierten Plätze im Härtefallverfahren für Studierende mit Beeinträchtigung.
Doch dann überkam mich Wut. Ich ärgerte mich sehr über mich selbst, dass ich quasi kampflos aufgeben wollte, getrieben von der fixen Idee, dass mich ohnehin das Pech verfolgt. Ich rief mir ein Taxi, um in Windeseile zur Uni zu rasen. Es war nicht mehr viel Zeit. Quasi schon kurz nach 11. Um 12 Uhr mittags würde die Bewerbungsfrist ablaufen. Dort erwartete mich eine lange Schlange anderer Menschen, die allesamt hofften, ihre Bewerbung noch rechtzeitig persönlich abgeben zu können. Schließlich kam ich an die Reihe und als ich Augenblicke später wieder unter freien Himmel trat, da begannen die Glocken der Universitätskirche zu läuten. Es war 12 Uhr und es war geschafft. Fürs erste.

Ich konnte mein Glück nicht fassen, als mich die Zulassung zum Studium erreichte. Da ahnte ich noch nicht, das das Schicksal mir noch etliche weitere Steine in den Weg werfen würde. Den größten räumte mein Psychiater mit viel persönlichem Engagement aus dem Weg, doch dann vergaß meine Krankenkasse der Uni das Formular zurückzuschicken, indem sie bestätigt, dass ich auch krankenversichert bin. Ohne das kann man in Deutschland nicht als „ordentlich Studierende“ eingeschrieben werden. Ich rief verzweifelt die Krankenkasse an und eine liebe Seele machte sich sofort daran die Sache kurzerhand mit einem Fax aus der Welt zu schaffen- für den Postweg war es längst zu spät.
Es kam der Tag, an dem wahr wurde, was ich kaum zu hoffen wagte und mich erreichte der Brief mit den Studienscheinen. Einer der wenigen Momente, in denen ich vor Glück weinte. Dieser Moment war nicht dem Zufall zu verdanken und auch nicht dem Schicksal, sondern vor allem dem Gutachten, dass mein Psychiater* für mich verfasst hatte. Ein außergewöhnlicher Mensch, der mich bis zu seinem Tod förderte.

Manchmal frage ich mich, warum mir diese Bürde auferlegt wurde und dann werde ich ziemlich sauer und traurig. Ich versteh es einfach nicht. Ich weis auch nicht genau, woher ich immer wieder die Kraft nehme weiterzukämpfen. Und genau deshalb würde ich dann doch ganz gerne mal an oberster Stelle etwas loswerden:

Weist du Schicksal, du gehst mir die meiste Zeit im wahrsten Sinne des Wortes ziemlich auf die Nerven. Mach doch mal Ferien oder so! Du bist so unentspannt. Und obwohl du mir unzählige Krankheitsphasen auf den Hals gehetzt, mir so viele liebe Dinge genommen hast (zuletzt meinen Mentor und das nehme ich dir wirklich übel!), meine Mutter in einer Beatmungs-WG vor sich hin vegetieren lässt und statt sie zu erlösen meinen Vater hast tot umfallen lassen, gibt es 3 Dinge, die ich dir schon immer mal sagen wollte, auch wenn ich dich damit herausfordere, aber du tust dasselbe auch ständig mit mir:

1.) Du bist ein mieser Verräter,
2.) Es gibt mich trotzdem immer noch!
UND
3.) Du kannst mich mal! Und das von GANZEM HERZEN!

Ist das ein starkes Lebenszeichen? Ich hoffe =)

Ein paar Worte möchte ich noch an all diejenigen richten, die bipolare Menschen begleiten, speziell in depressiven Phasen (und das zu Hause). Warum ist mir das so wichtig? Weil ich bisher in all den 16 Jahren ohne Klinikaufenthalt ausgekommen bin, aber auch meine Familie war manchmal mehr Last als Hilfe.

Fragen Sie den Erkrankten nicht Sachen wie: „Warum geht es dir denn schlecht? Die Sonne scheint doch heute so schön?/Du hast doch alles“, „Ach, raff dich einfach auf, zieh dich an und geh etwas an der frischen Luft spazieren!“ ect. Solche Aussagen haben noch keinem Kranken geholfen, sie sind höchstens Zeugnis eines tiefen Unverständnisses.
Oft fehlt es an ganz praktischer Hilfe, die aber absolut entscheidend sein kann. Wenn Sie wirklich eine Stütze sein wollen, dann fängt das damit an, dass Sie ganz andere Fragen stellen sollten: „Sag mal hast du genügend Lebensmittel da? Soll ich vorbei kommen mit dir/für dich einkaufen? Soll ich mit dir eine Waschmaschine anstellen? Schaffst du das mit den Kindern? Haben deine Tiere versorgt? Soll ich dich zum Arzt fahren? Hast du alle deine Medikamente da? Brauchst du wen zum ausquatschen?...“
Sie dürfen auch klare Worte finden, denn bemitleiden müssen sie Depressive nicht. Glauben Sie mir, das Eigenmitleid würde locker für 3 Menschen reichen. Man darf durchaus bestimmt sagen „Hey, du stehst jetzt auf und mit „jetzt“ meine ich JETZT! Aber verlieren Sie niemals den Respekt. Denken Sie immer an seine Würde und Selbstbestimmung! Behandeln Sie einen psychisch Kranken Menschen in der Krise niemals anders, als sie selbst behandelt werden wollen würden, wenn Sie an seiner Stelle wären!
Und bitte bitte stellen Sie auch unangenehme Fragen! „Sag mal, wird deine Miete automatisch abgebucht?“ Müssen noch Überweisungen gemacht werden? Musst du noch irgendwelche Anträge/Widersprüche stellen, deren Fristen bald ablaufen? Soll ich deine Post einwerfen, deine Steuerklärung abgeben?“ Schleifen Sie diese arme Seele zu seinem Postkasten!
Sie werden indirekt zum Lebensretter! Die Größe des Scherbenhaufens wird später entscheidend dafür sein, ob der Betroffene –wohlgemerkt mit seinen eigenen Augen betrachtet- das Leben nach der Krankheitsphase als lebenswert empfinden kann!



I.M.H. (Jahrgang 1984, Marburg/Deutschland)

* in liebevollem Gedenken an Dr. med. Stefan Redies (V Mai 2014).
Noch heute ist es für uns, als hätten wir ein liebes Familienmitglied verloren. Er mag nicht unser echtes Familienmitglied gewesen sein, aber er war: Unser Licht in der Dunkelheit.


Österreichische Gesellschaft für bipolare Erkrankungen